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Hildesheimer Allgemeine Zeitung (16. Februar 2009)

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“Da wo es Schmerzen gibt”
Das „Korean Chamber Orchestra“ bewegt im TfN
mit einem originellen Programm

Von André Mumot

Hildesheim. Mann muss sich den späten Rossini wohl als glücklichen Menschen vorstellen. Da hat er das Komponieren aufgegeben, lebt und kocht und isst, und zwischendurch schafft er dann noch mal so nebenbei ein kleines Stück für Klarinette und Kammerorchester. Und dies verströmt dann nicht nur die reine Freude seines Schöpfers, sondern auch seine alte Begabung. Denn Introduktion, Thema und Variationen sind ganz im Stil opernhafter Gesanglichkeit gehalten: Das Instrument feiert eine Arie. Ralph Manno ist fabelhaft aufgelegt an diesem Abend im TFN. Der Mann, der eine fröhliche Jungendlichkeit verströmt, war schon mit 23 Soloklarinettist beim WDR, Celibidache hat ihn zu den Münchner Philharmonikem geholt, und schon mit 29 hat er als Professor an der Hochschule für Musik in Köln gelehrt.

Den Rossini meistert er dementsprechend mit luftig lockerer Souveränität, wirft sich in kokette Verzierungen, gestaltet durchdringend lyrische Bögen und formt das Stück zum schillernd differenzierten Charakterbild. Und weil das Publikum zu Recht ganz aus dem Häuschen ist, setzt er noch eine kleine „Hommage an De Falla“ hinten dran, die er mit glutvoller Stierkampf-Erotik auflädt.

Das alles erfreut, ist ganz im Rossinischen Sinne hedonistisch und stellt in diesem Kulturring-Konzert doch einen Fremdkörper dar. Zu Gast ist das „Korean Chamber Orchestra“, und es hat ein ungewöhnliches Programm mitgebracht. Ein kurzes Stück des im heutigen Korea geborenen Isang Yun etwa, der bis zum seinem Tod 1995 lange in Deutschland gelebt, komponiert und unterrichtet hat.

„Wo es Schmerzen gibt, will ich mitsprechen durch meine Musik“, hat Yun einmal gesagt, und so ist sein „Tapis pour cordes“, sein fremdartiges Streichergewebe, eine schwirrend mysteriöse Erregung voller gellend hoher Leidensmomente und ätherischer Seufzer. Hinzu kommen noch zwei Stücke für Streichoktett von Schostakowitsch, die in einem Arrange-ment für Streich-orchester und in ihrer ganzen Gewalt über die Rampe kommen. Die korea-nischen Gäste interpretieren die kleinen Stücke mit einer geballten, kompromisslosen Ausdrucks-intensität, wie sie auch in einer der Sinfonien des großen russischen Komponisten nicht glutvoller ausfallen könnte.

Die reichste Klangentfaltung wird dann aber bei Benjamin Brittens feinsinnigen „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“ erreicht. Es ist eins von Brittens faszinierendsten Werken,
in dem sich eine thematische Keimzelle in schwindligem Taumel durch die musikalischen

Untiefen von Wiener Walzer, Pizzicato-Bourée und Trauermarsch treiben lässt. Das „Korean Chamber Orchestra“ spielt diese musikalische Entdeckungsreise durch dunkle, oft verstörende, geisterhafte Gefilde unter der Leitung von Min Kim mit geradezu unheimlicher Perfektion. Strahlend ist der Ton des Ensembles, erreicht immer wieder berückende Wärme, schafft Leiden-schaft und vermeidet übervolles Pathos.

Überhaupt kann man dieses Konzert kaum hoch genug preisen für seinen Verzicht auf das zu oft gehörte, euphorisch Eingängige. Am Ende wird zwar mit einem großen Zugabenblock, mit koreanischer Volksmusik und der schön sentimentalen Tschaikowskij-Elegie für einen sehr freundlichen Abschied gesorgt. Herausaragend jedoch bleibt der Mut zu einem Programm mit so kluger Musik, die gerade deshalb derart tief berührt, weil sie in ihrer erhabenen Schönheit spröde bleibt, weil sie den Schmerz nicht stillt, weil sie Fragen offen lässt.

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